Als erfahrener Experte in diesem Bereich sehe ich immer wieder, wie entscheidend ein starker und gleichzeitig entspannter Beckenboden für Schwangere ist. Er ist nicht nur eine wichtige Stütze für das wachsende Leben in Ihnen, sondern auch ein Schlüssel zu einer leichteren Geburt und einer schnelleren Erholung danach. In diesem Artikel möchte ich Ihnen zeigen, wie Sie Ihren Beckenboden effektiv trainieren und auf die bevorstehende Geburt vorbereiten können.
Effektives Beckenbodentraining in der Schwangerschaft Ihre Anleitung für eine starke Mitte und leichtere Geburt
- Ein starker Beckenboden trägt das zusätzliche Gewicht von Gebärmutter und Baby und beugt Beschwerden vor.
- Regelmäßiges Training kann den Geburtsverlauf erleichtern und das Risiko eines Dammrisses verringern.
- Beginnen Sie mit sanften Wahrnehmungsübungen früh in der Schwangerschaft und steigern Sie sich ab der 12. Woche.
- Die Fähigkeit zur Entspannung des Beckenbodens ist für die Geburt ebenso wichtig wie seine Kräftigung.
- Vermeiden Sie häufige Fehler wie das Anspannen anderer Muskeln oder das Anhalten des Atems.
- Pränatales Training ist die beste Grundlage für die Rückbildung nach der Entbindung.
Warum Ihr Beckenboden jetzt besonders wichtig ist
Der Beckenboden ist eine faszinierende muskuläre Schicht, die wie eine Hängematte das Becken von unten abschließt und unsere Organe Blase, Gebärmutter und Darm an ihrem Platz hält. Er spielt eine zentrale Rolle für unsere Kontinenz und stabilisiert den Rumpf. Während der Schwangerschaft erfährt dieser Bereich eine enorme Belastung. Das zusätzliche Gewicht von Gebärmutter und Baby, die hormonellen Veränderungen, die das Gewebe weicher machen, und schließlich die Geburt selbst fordern den Beckenboden immens heraus. Ein gut trainierter Beckenboden ist daher unerlässlich, um diesen Belastungen standzuhalten und Ihren Körper optimal auf die Geburt vorzubereiten.
Ich habe in meiner Praxis immer wieder gesehen, wie ein starker Beckenboden typische Schwangerschaftsbeschwerden deutlich lindern oder sogar verhindern kann:
- Inkontinenz: Viele Schwangere leiden unter ungewolltem Harnverlust, besonders beim Husten, Niesen oder Lachen. Ein kräftiger Beckenboden kann die Schließmuskelfunktion verbessern und diese Symptome reduzieren.
- Rückenschmerzen: Da der Beckenboden eng mit der tiefen Bauch- und Rückenmuskulatur zusammenarbeitet, trägt seine Stärkung zur Stabilisierung des gesamten Rumpfes bei und kann so Rückenschmerzen vorbeugen oder lindern.
- Beckeninstabilität: Die Lockerung der Bänder im Becken kann zu Schmerzen führen. Ein trainierter Beckenboden kann hier unterstützend wirken und für mehr Stabilität sorgen.
Ein trainierter Beckenboden ist nicht nur für die Schwangerschaft selbst von Vorteil, sondern auch ein echter Gamechanger für die Geburt und die Zeit danach. Er kann den Geburtsverlauf erleichtern, da Sie die Muskulatur besser kontrollieren und bewusst entspannen können, was das Risiko eines Dammrisses verringern kann. Zudem fördert ein aktiver Beckenboden die Durchblutung im gesamten Beckenbereich, was wiederum die Regeneration nach der Entbindung beschleunigt und Ihnen hilft, schneller wieder fit zu werden.
Der richtige Zeitpunkt: Wann Sie mit dem Beckenbodentraining starten
Viele Frauen fragen mich, wann der beste Zeitpunkt ist, um mit dem Beckenbodentraining zu beginnen. Meine Antwort ist oft: So früh wie möglich! Mit sanften Wahrnehmungsübungen, die Ihnen helfen, Ihren Beckenboden überhaupt erst einmal zu spüren, können Sie bereits zu Beginn der Schwangerschaft starten. Es geht hierbei zunächst nicht um Kraft, sondern um das Bewusstsein für diesen wichtigen Bereich Ihres Körpers.
Ein intensiveres Kräftigungstraining wird in der Regel ab der 12. Schwangerschaftswoche empfohlen, sobald die kritische Phase der Organentwicklung abgeschlossen ist. Es ist jedoch immer ratsam, vorher mit Ihrer Hebamme oder Ihrem Arzt zu sprechen, um sicherzustellen, dass keine medizinischen Bedenken gegen das Training bestehen. Die meisten Schwangerschaften profitieren aber enorm von regelmäßiger Beckenbodenarbeit.
Im letzten Schwangerschaftsdrittel verschiebt sich der Fokus dann oft etwas. Während die Kräftigung weiterhin wichtig bleibt, rücken nun auch Entspannungs- und Dehnungsübungen in den Vordergrund. Diese bereiten Ihren Beckenboden gezielt auf die Geburt vor, indem sie seine Dehnfähigkeit verbessern und Ihnen helfen, bewusst loszulassen. Das ist eine Fähigkeit, die während der Entbindung von unschätzbarem Wert sein wird.

Praktische Anleitung: Die besten Beckenboden-Übungen für zu Hause
Der erste und wichtigste Schritt ist es, Ihren Beckenboden überhaupt erst einmal zu finden und zu spüren. Das ist für viele Frauen anfangs gar nicht so einfach, da diese Muskeln oft unbewusst arbeiten. Ich zeige Ihnen, wie Sie das schaffen:
- Die Wahrnehmungsübung: Setzen Sie sich bequem auf einen Stuhl oder legen Sie sich entspannt hin. Versuchen Sie, die Muskeln um Ihre Harnröhre, Vagina und den Anus gleichzeitig leicht nach innen und oben zu ziehen so, als würden Sie versuchen, den Urinstrahl anzuhalten oder ein Tampon hochzuziehen. Achten Sie darauf, dass Gesäß, Bauch und Oberschenkel entspannt bleiben. Spüren Sie das leichte Heben und Ziehen? Das ist Ihr Beckenboden!
- Isoliertes Anspannen und Entspannen: Sobald Sie ein Gefühl dafür bekommen haben, üben Sie das bewusste Anspannen und vollständige Entspannen. Halten Sie die Spannung für 3-5 Sekunden und lassen Sie dann genauso lange wieder los. Wiederholen Sie dies 10-15 Mal. Die vollständige Entspannung ist genauso wichtig wie die Anspannung!
Eine meiner Lieblingsübungen, um die Kontrolle über den Beckenboden zu verbessern, ist die sogenannte "Fahrstuhl-Übung":
- Visualisieren Sie einen Fahrstuhl: Stellen Sie sich vor, Ihr Beckenboden ist ein Fahrstuhl, der in einem Hochhaus fährt.
- Stockwerk für Stockwerk nach oben: Spannen Sie den Beckenboden ganz leicht an, als würde der Fahrstuhl in den ersten Stock fahren. Halten Sie kurz. Spannen Sie etwas stärker an, zweiter Stock. Noch stärker, dritter Stock bis Sie die maximale, aber immer noch angenehme Spannung erreicht haben.
- Langsam wieder nach unten: Lassen Sie den Fahrstuhl nun Stockwerk für Stockwerk wieder nach unten fahren, indem Sie die Spannung schrittweise reduzieren. Ganz wichtig: Lassen Sie ihn bis ins Erdgeschoss fahren, also den Beckenboden vollständig entspannen.
Die "Wellen-Atmung" ist eine wunderbare Methode, um Anspannung und Entspannung des Beckenbodens mit Ihrem Atemrhythmus zu synchronisieren. Stellen Sie sich vor, wie beim Einatmen Ihr Bauch weich wird und Ihr Beckenboden sich entspannt wie eine Welle, die zurückweicht. Beim Ausatmen ziehen Sie den Beckenboden sanft nach innen und oben, wie eine Welle, die an den Strand rollt. Diese Verbindung von Atem und Bewegung hilft Ihnen, die Kontrolle zu verbessern und gleichzeitig zur Ruhe zu kommen.
Auch im Alltag können Sie Ihren Beckenboden schützen und stärken. Hier sind einige praktische Tipps:
- Beim Heben: Bevor Sie etwas Schweres heben, spannen Sie Ihren Beckenboden leicht an. Gehen Sie in die Knie und heben Sie mit geradem Rücken aus den Beinen, nicht aus dem Rücken.
- Beim Husten oder Niesen: Versuchen Sie, vor dem Husten oder Niesen den Beckenboden kurz anzuspannen. Das kann helfen, ungewollten Harnverlust zu verhindern.
- Beim Aufstehen: Rollen Sie sich beim Aufstehen aus dem Liegen immer über die Seite, um den Druck auf den Beckenboden und die Bauchmuskulatur zu minimieren.
- Haltung: Achten Sie auf eine aufrechte Haltung. Eine gute Körperhaltung entlastet den Beckenboden.
Entspannung lernen: Warum Loslassen vor der Geburt entscheidend ist
Ich kann es nicht oft genug betonen: Für die Geburt ist die Fähigkeit zur Entspannung des Beckenbodens genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger, als seine reine Kraft. Ein verkrampfter Beckenboden kann den Geburtsweg blockieren und Schmerzen verstärken. Gezielte Dehnungs- und Lockerungsübungen helfen Ihnen, diesen Bereich für die Geburt vorzubereiten. Dazu gehören beispielsweise der Schmetterlingssitz, bei dem Sie die Fußsohlen aneinanderlegen und die Knie sanft nach außen fallen lassen, oder auch das tiefe Hocken, das den Beckenboden dehnt und öffnet. Auch Beckenkreisen oder sanfte Wiegebewegungen im Vierfüßlerstand können sehr wohltuend sein.
Visualisierungstechniken sind ein mächtiges Werkzeug, um den Beckenboden mental zu entspannen und sich auf die Geburt vorzubereiten. Ich empfehle meinen Klientinnen oft Bilder, die Weite und Öffnung symbolisieren:
- Die Blüte, die sich öffnet: Stellen Sie sich vor, Ihr Beckenboden ist wie eine wunderschöne Blüte, die sich mit jeder Ausatmung ein kleines Stück mehr öffnet und weicher wird.
- Der Ballon, der sich weitet: Visualisieren Sie, wie Ihr Beckenboden beim Einatmen wie ein Ballon sanft nach unten und außen weitet und beim Ausatmen wieder entspannt.
- Das warme, fließende Wasser: Stellen Sie sich vor, warmes Wasser fließt durch Ihren Beckenboden und spült alle Anspannung weg, macht ihn weich und geschmeidig.
Typische Fehler beim Beckenbodentraining vermeiden
Beim Beckenbodentraining schleichen sich leider oft Fehler ein, die die Effektivität mindern oder sogar kontraproduktiv sein können. Der häufigste Fehler, den ich beobachte, ist das Anspannen der falschen Muskeln. Viele Frauen spannen stattdessen die Gesäß-, Bauch- oder Oberschenkelmuskulatur an. Um dies zu erkennen, legen Sie eine Hand auf den Bauch oder das Gesäß: Wenn sich dort etwas anspannt, sind Sie auf dem falschen Weg. Versuchen Sie, die Anspannung wirklich nur auf den inneren Beckenboden zu konzentrieren. Üben Sie vor einem Spiegel oder bitten Sie Ihre Hebamme um eine Kontrolle, um sicherzustellen, dass Sie die richtigen Muskeln aktivieren.
Ein weiterer entscheidender Punkt ist die richtige Atmung. Ich sehe immer wieder, dass Frauen während der Anspannung die Luft anhalten. Das ist kontraproduktiv! Das Anhalten des Atems erhöht den Druck im Bauchraum, was wiederum den Beckenboden nach unten drückt genau das Gegenteil dessen, was wir erreichen wollen. Denken Sie daran: Ausatmen beim Anspannen, Einatmen beim Entspannen. Das hilft, den Druck zu regulieren und die Übung effektiver zu machen.Zu guter Letzt ist Geduld und Regelmäßigkeit wichtiger als übermäßige Intensität. Der Beckenboden ist ein Muskel wie jeder andere, und er braucht Zeit, um stärker zu werden und sich anzupassen. Eine effektive Routine bedeutet, lieber täglich ein paar Minuten bewusst zu üben, als einmal pro Woche eine Stunde lang zu pressen und sich zu überfordern. Hören Sie auf Ihren Körper und steigern Sie die Intensität langsam. Konsistenz ist der Schlüssel zum Erfolg.
Nach der Geburt: Die Bedeutung des Beckenbodens für die Rückbildung
Das pränatale Beckenbodentraining ist eine hervorragende Investition in Ihre Gesundheit nach der Geburt. Es bildet die Grundlage für die Rückbildungsgymnastik und hilft, Spätfolgen wie Gebärmuttersenkung, Scheidensenkung oder dauerhafter Inkontinenz vorzubeugen. Ein gut vorbereiteter Beckenboden kann sich nach der Geburt schneller erholen und seine Funktionen wieder voll aufnehmen. Ich habe oft gesehen, wie Frauen, die in der Schwangerschaft fleißig waren, nach der Entbindung deutlich weniger Beschwerden hatten und sich schneller wieder fit fühlten.
Wann Sie nach der Geburt wieder mit dem Beckenbodentraining beginnen können, hängt von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere von der Art der Geburt und Ihrem individuellen Heilungsverlauf. In der Regel können Sie im Wochenbett mit sehr sanften Wahrnehmungsübungen beginnen. Für intensiveres Training und die Teilnahme an einem Rückbildungskurs ist es wichtig, die Absprache mit Ihrer Hebamme oder Physiotherapeutin zu suchen. Sie können beurteilen, wann Ihr Körper bereit ist und welche Übungen für Sie am besten geeignet sind. Geben Sie Ihrem Körper die Zeit, die er braucht, und überfordern Sie sich nicht.
